Dienstag, 28. Juni 2016

zehntes schuljahr

ich schwänze französisch, um im klassenraum hinterm schrank zu sitzen und die pissgelbe wand anzustarren.
alice kommt in den klassenraum, sie singt und bemerkt mich, als sie über mein knie stolpert. "huch, josi! schwänzt du französisch?"
ich nicke nur, ihre stimme verursacht kopfschmerzen, überhaupt jede stimme.
irgendwann stehe ich auf, setze mich wieder hin und stehe noch mal auf, weil ich meinen rucksack aus dem raum holen muss, wo wir grade französisch haben. es sind nur noch vier minuten bis unterrichtsschluss.
meine lehrerin merkt nicht einmal, dass ich gar nicht da war. ich schnappe mir meinen rucksack und will wieder gehen, aber das kriegt sie dann doch mit und drückt mich auf einen stuhl ("die paar minuten wirst du jetzt wohl noch durchhalten, aber hallo, jetzt geht's hier wohl los, mensch!").
clara sitzt neben mir, aber sie ist so weit weg. ich wünschte, ihre stimme wäre mir nicht zu anstrengend. jede stimme. aber bitte nicht ihre. nicht claras. kopf auf die arme und schlafen. eh alles egal jetzt. meine lehrerin schreit herum, damit ich irgendeinen blöden französischen satz vorlese, aber ich kann nicht, dann klingelt es und ich bin als erste draußen. niemand versteht meine müdigkeit. ich bin selbst schockiert davon, wie müde man sein kann.
in der nächsten stunde bekommen wir eine arbeit wieder, ich weiß, dass es nichts geworden ist. (zu müde zum lernen, seit tagen, auch wenn es wichtig wäre, das weiß ich doch selber.)
danach ein gespräch. mein lehrer ist total lieb, er will die arbeit nicht werten lassen (da es angeblich nicht zu vergleichen ist mit einer leistung, die ich hätte erbringen können, wenn ich wegen meiner psychischen labilität momentan nicht so eingeschränkt wäre), da meine versetzung allerdings wegen anderer fächer ausgeschlossen erscheint (sehr geil, josi, so macht man sich sein leben kaputt), wird es noch irgendeine große besprechung geben, damit ich nicht sitzen bleibe. mein armer klassenlehrer kriegt noch irgendwann einen herzstillstand wegen des ganzen stresses, den ich verursache. will ich doch gar nicht. glaube ich.
(und ich weiß nicht, wie richtig das ist, jetzt weiterzumachen. alle menschen, mit denen ich darüber geredet habe, sind der meinung, dass jetzt mal zeit für ne pause wäre. ich weiß selber, dass ich das bräuchte, weil es so nicht weitergehen kann. ich werde mein abitur unter diesen umständen nicht schaffen. ich werde versuchen mich umzubringen, ich werde mich umbringen wollen, weil ich meine ansprüche nie werde erfüllen können, ich weiß schon jetzt, dass ich sterben muss. ich muss nochmal über klinik nachdenken. es wäre auch förderlich, mal aus diesem umfeld herauszukommen. aber was auch immer ich entscheide, es wird nicht mehr in 2016 passieren. ich hoffe, ich komme durch die nächsten monate. erstmal bis oktober überstehen.)

übrigens habe ich jetzt einen privaten zweitblog.
wer eine einladung will, schickt mir einfach eine email an libellentrauma[at]gmail[dot]com.
aber ich nehme nicht jeden an. 

Sonntag, 26. Juni 2016

don't let me drown

ich mache mir vanille kokos - labello auf die lippen und reiße mir ein paar haare aus. ich bin unendlich irgendwas. für dieses gefühl wurde noch keine definition gefunden.
ich habe meinen körper zerstört, weil er über ein jahrzehnt lang leiden musste, ich habe meinen scheißkörper zerstört. es ist kein schönes gefühl. es ist das gefühl von scheiße, jetzt ist es passiert und du kriegst es nicht mehr weg.
ich weiß gar nicht, wie ich jetzt damit umgehen soll. ich mach die augen und die ohren zu und verdränge diesen fakt aus meinen gedanken. ich bin unsicher, ob es was ändern würde, wenn ich ändern würde. aber eigentlich auch egal, ich bin nicht stark genug dafür.
ich liege stundenlang auf dem sofa und dann im bett, mama kommt dreimal, einmal bringt sie mir einen espresso. ich esse frühstück, übelkeit, orangensaft, noch mehr übelkeit. ich kann nicht gut laufen, gleichgewichtsprobleme, beine tun komisch weh, aber kreislauf in ordnung.
ist mir dann auch egal und ich lege mich wieder ins bett.
ich nehme meine medikamente nicht, weil es keinen unterschied macht.
ich fühle mich nicht in der lage, irgendwelchen whatsappsmalltalk zu führen, verschicke ein paar wichtige nachrichten an wichtige menschen. danach geht es mir schlechter.
ich lese das letzte kapitel von "raum" zu ende (empfehlenswertes buch), ich höre musik, ich zähle die wochen bis ich nicht mehr fallen muss. ich schreibe morgen einen test, ich will nichtmal zur schule.
meine müdigkeit war so voraussehbar, dass es nichtmal wehtut, niemandem.

Freitag, 24. Juni 2016

sechsunddreißig grad und es wird noch heißer

leg dich nicht ins bett zurück, josi.
aber ich bin so müd-
du bist nicht müde. leg dich nicht wieder hin.
ich bin müde... 

aber was hilft es mir, wenn ich das leben jetzt wieder an mir vorbeiziehen lasse. ich kann nicht gut schlafen, bin schlaflos von der hitze, meine träume sind anstrengend. ich habe keinen appetit, vom essen wird mir übel, vom hungern bekomme ich panikattacken und starken realitätsverlust. 
die kollegen meiner mum sind freundlich zu mir, wenn ich mal wieder in ihrer arbeit auftauche und sie fragen schon längst nicht mehr, ob ich nicht eigentlich grade unterricht hätte. ich weiß nicht, was sie wissen.
clara sagt: josi, bleib doch bitte da, wir haben nur noch [das und das], es wird auffallen wenn du weg bist und dann...
diese schule bringt mich noch um.
niemand versteht meine logik. vielleicht ist meine logik logiklos. 
ich zerreiße mich selbst.
ich versuche mit aller macht, weiter zu leben, nicht zurück ins bett zu gehen, es sind nur noch vier wochen schule, dann sommerferien. sommerferien. pause. sechs wochen keine schule. nicht so viele gedanken an fr. dr. T. verschwenden. nicht. abstürzen. (ich habe eine verdammte angst vor der oberstufe, alles zählt fürs abi, da kann ich nicht eben 40 fehltage haben, ...).
ich halte mich an meiner "bis zu 2019"-liste fest, aber diese zahl ist so irreal, zweitausendneunzehn.

heute haben blogger und ich jubiläum, vor genau einem jahr habe ich meinen blog erstellt. und ich würde so gerne ganz viele worte darüber schreiben. ich bin dankbar für die vielen herzensmenschen, die ich hier (wieder)getroffen habe, ich bin dankbar für das treffen mit liv und das erste telefongespräch seit monaten mit achlys, ich bin dankbar für melodys riesiges geburtstagspaket, für annas motivationstext, für die vielen vielen sprachmemos und worte, die ihr mir geschenkt habt. ich bin so dankbar für eurer ganzes feedback, dafür, wie ihr mich seht und unterstützt. ich habe mit blogger eine kleine virtuelle wunderschöne welt gefunden.
und vielleicht wäre es auch übertrieben, jetzt noch etwas größeres zu schreiben. genießt den abend, ich leg mich jetzt ins bett.
<3

Freitag, 10. Juni 2016

you sit there stone-faced

 in manchen winzigen momenten denke ich, du könntest leben, wenn du nur wolltest -
und dann gibt es tage wie diese, an denen ich eine 6 in chemie schreibe - an denen ich erst drei panikattacken bekomme, bevor ich mich aus dem haus traue - an dem das spiegelbild zu fett und zu hässlich bleibt, egal was man tut, und die klamotten und die schminke stimmen nicht und die narben, dehnungsstreifen, blaue flecken, treiben einen zum wahnsinn und überhaupt, wie soll eine zukunft möglich sein?
ich nehme relativ brav meine medikamente (noch nicht so regelmäßig wie ich sollte, aber sehr) und habe mir eine schöne liste mit zielen geschrieben. die hängt in meinem zimmer. damit jeder, der vorbeiläuft, sie sehen kann und mama vielleicht auch ein bisschen erleichtert ist, dass ich nicht wieder am absoluten tiefpunkt bin.
ich meditiere zurzeit sehr oft oder so oft wie mein gehirn es zulässt (man könnte ja auch andere viel wichtigere dinge tun, mathe oder chemie oder physik lernen zum beispiel oder das buch in deutsch lesen oder sport machen oder - pausen sind auch wichtig!!!)
es ist schwer, in die schule zu gehen, aber ich habe nicht mehr die erlaubnis, auch nur 5 minuten vom unterricht wegzubleiben. glücklicherweise sehen das einige lehrer lockerer.
ich habe zum glück nur einen tag lang ~ nichts gegessen, weil sich jegliche symptome mit dem hungern verschlimmern (und ich glaube, dass macht kleinjosi extreme angst).
ich versuche zurzeit, mein leben in eine lebbare richtung zu lenken, weil ich mich schon wieder so eingeschränkt habe und absolut festgefahren in meinen ritualen bin. jetzt werde ich gleich die e-mail an eine potenzielle neue therapeutin abschicken.
spreading love <3

Mittwoch, 8. Juni 2016

dinge

I
die erkenntnis, dass ich noch immer nicht für mich lebe, sondern dafür, dass meine eltern ein unbeschwertes leben führen können. nach jedem streit falle ich. tief. und wofür aufstehen, wenn nicht für sie? warum sollte ich für mich aufstehen?

II
sportunterricht, 26 grad, draußen. jess und ich sind schon zum sportplatz hingejoggt. es war ihre idee. jetzt sollen wir uns 10 runden einlaufen. protest. aber ich gehöre nicht dazu. ich laufe einfach. ich laufe und laufe, immer schneller, ich laufe den ganzen schmerz weg, bis ich irgendwann taub bin und nichts mehr fühle. die mädchen habe ich längst abgehängt. ich nehme nichts wahr, ich laufe nur. ich will nichts mehr fühlen.
"alter, josi!" ruft irgendwer, eine hand an meinem arm, lass mich - 
"josi, dein schnürsenkel ist offen."
"danke, ich weiß."
"mach ihn zu."
"ich laufe." ich laufe schneller. ich bin verwundert über den besorgten unterton seiner stimme.
irgendwann ist es auch für mich an der zeit, stehenzubleiben. mir ist übel, ich kann mich kaum auf den beinen halten, aber die sportstunde hat noch nicht einmal begonnen. am ende ist mein sportlehrer stolz auf mich.

III
irgendwann die wage erkenntnis, dass man heute noch nicht viel mehr als traubenzuckerwasser gegessen hat. und zu viele stunden sport dem gegenüberstehen.

IV
ein streit mit meiner lebensretterin, es zerreißt mich so sehr, wann haben wir uns so entfremdet? wann bin ich wieder so gefühlskalt geworden?

V
gestern abend noch ein telefonat geführt, mein allererstes seit monaten(!), mit achlys - danke, es tat so gut, nicht alleine zu sein, es war wunderschön und wichtig. <3

VI
gestern war einer der schlimmsten tage des jahres, es kam alles zusammen, meine labilität mit der unverständnis meiner eltern und freunde, es war viel zu viel.

VII
ich vermisse m-

VIII
nach mathenachhilfe ahnungslos, verschwitzt und ungeschminkt auf dem fahrrad sitzen. die frisur löst sich aus dem gummiband. ich trage widerwillig eine kurze hose, nach sport ging es einfach nicht anders. ich fahre einen anderen weg als sonst und dann auch noch rebellisch auf der anderen straßenseite. ich wollte eigentlich zu dm, aber entschied mich mittendrin um und dachte, ich würde doch lieber zu rossmann. liegt auch auf der strecke nach hause. noch immer ahnunglos trete ich in die pedalen und sehe ein mädchen entgegenkommen. objektive betrachtung, groß, rote haare. erster gedanke: hübsch. näher anschauen. sie schaut mich auch an. ich schaue noch länger, dann trifft es mich wie ein schlag, ich mache eine scharfe bremsung und falle dabei fast vom fahrrad. sie ist es. sie ist es. sie ist es.
seit 2013 gab es nichts, was ich mir mehr gewünscht habe. ich wollte sie nur noch einmal sehen. ich hielt immer ausschau nach ihr, in jedem supermarkt, in jedem geschäft, überall. wir schafften es, uns am 27.08.2014 zu treffen, aber es flog auf. seitdem haben wir uns nicht mehr gesehen. zwischen dem 08.06.2016 und dem 27.08.2014 liegt so viel. viel mehr als die 651 tage. viel mehr als die 10 kilo.
und heute treffe ich sie wieder. es ist einer dieser ganz ganz komischen zufälle, es ist so unrealisierbar, unfassbar, unwirklich. ich bestehe auf ein beweisselfie. ich habe noch nie freiwillig von mir aus mit meinem handy ein selfie gemacht. aber das muss sein.
ich denke, ich will sie nie wieder loslassen. es ist nicht das letzte mal, dass wir uns getroffen haben. ich bin glücklich. ich bin so glücklich, für ein paar stunden, sie ist noch immer 100% vertrautheit, auch wenn inzwischen viel fremdes zwischen uns steht. sie ist nicht das mädchen, das 2013 gegangen ist, sie hat sich verändert, aber ich mich auch. und ich denke, wenn ich könnte, ich würde ihre welt sofort wieder ganz machen.

IX
einen teller nudeln essen. weiter traubenzuckerwasser trinken.

X
noch immer planlos vom leben sein. aber vielleicht erstmal die nächsten zwei jahre irgendwie überstehen. und dann ausziehen. ganz groß und fett auf meiner liste: ausziehen. das alles hinter mir lassen, ich will mein eigener mensch werden. und alleine entscheiden, was ich mitnehmen will. und was nicht.