Samstag, 27. August 2016

06 closing


(was soll ich sagen, jedes wort scheint falsch zu sein. ich kann das alles im moment nicht erklären, aber vielleicht finde ich die richtigen worte, wenn ich wieder auf blogger zurückkomme, wann auch immer das sein wird. wie ich mich kenne, schon sehr bald)

Mittwoch, 24. August 2016

krieg' ich das irgendwie hin

irgendwann kommst du beim hungern an einen punkt, an dem du einfach nicht mehr kannst. der körper hat keine lust mehr. du siehst mehr schwarz und bunte punkte als irgendetwas anderes. morgens beim aufstehen musst du erst einmal minutenlang sitzen, bevor du aufstehen kannst und selbst dann musst du dich an der wand abstützen. der erste gang führt auf die waage, nachdem möglichst jedes gramm vom oder aus dem körper ist. all das wird kräftezehrend. der strenge essplan, den du dir selbst gibst, der irgendwann einfach keine energie mehr beinhaltet, alles ist nur noch scheinessen, nur noch lügen. das doch nie gegessene essen, das in deinen taschen und schränken anfängt zu gammeln. deine kraft reicht für gar nichts mehr, du kannst nur noch im bett herumliegen. und du weißt, wenn du jetzt nichts änderst, wirst du nie etwas ändern.
ich habe ein paar mal über diesen punkt hinausgelebt. ich weiß, was mich dahinter erwartet und ich kann aufrichtig sagen, dass ich nicht dahin zurückwill. die depression geht mit der magersucht hand in hand. wie soll es auch anders sein, wenn alle lebensqualität aus deinem leben genommen wird, weil du nur noch im bett herumliegen kannst und dein magen sich anfühlt, als würde er sich selbst aufessen?
ich weiß, dass es nicht mehr so viele kilo wären, bis ich mein tiefstgewicht eingeholt hätte. ich weiß, dass ich mit den kilos nicht nur kilos verlieren würde, sondern alles, was ich mir das letzte halbe jahr so unglaublich hart erkämpft habe. ich habe nie an ein leben "nach der essstörung" geglaubt, doch ich habe es bekommen, ich fühlte mich im märz sogar absolut essstörungsfrei. ich kann dieses leben (mein leben!) nicht wegschmeißen, nicht mehr.
ich bin an diesem punkt, an dem ich einfach nicht mehr kann. einen weg nach unten gibt es immer, es geht immer noch ein stückchen tiefer und noch ein stückchen tiefer, aber wie tief kann ich sinken (ohne zu ertrinken)? ich kann mich jetzt entscheiden, ob ich diesen hässlichen dunklen weg weitergehe und die kommenden schmerzen auf mich nehme. ob ich das horrorjahr 2014 noch einmal durchleben will. oder ich kann mich umdrehen und sagen: "that is not how my story is going to end."
ich weiß, dass auch dieser weg hart sein wird. aber auch schön und richtig und bunt. niemand müsste vor angst sterben um mich. ich würde zurück ins leben treten. ich weiß, dass es am anfang unerträglich sein wird. ich weiß, dass ich wieder weinen werde nach dem essen und mich nach klingen verzehre und auch ein paar tage sterben will. aber das hört auf. und ich werde nicht aufhören, diesen weg zu gehen, weil ich selbst weiß, wie schön es ist, wie unglaublich schön, essstörungsfrei zu sein.
nur, weil ich anfange, mehr zu essen und die essstörung vielleicht sogar loslassen kann, bin ich immer noch krank. da ist mein durchritualisiertes und verzwangtes leben, da sind noch immer die angststörungen, die alles wiedermal hundertfach kompliziert machen, meine unfähigkeit mich abzugrenzen, der perfektionismus. ich will ein leben führen, das schön ist und manchmal verzweifele ich daran, weil ich meine eigenen erwartungen nie erfüllen kann. denn 100% perfekt kann niemand erreichen, auch ich nicht, niemals. aber das sind gründe, die tiefer liegen und auch diese magersucht wird sie nicht aus der welt schaffen. 
ich muss mir nicht beweisen, dass ich noch einmal 37kg wiegen könnte, denn ich weiß es. und ich weiß auch, dass ich viel lieber leben will, als noch einmal 37kg zu wiegen. ich spüre jetzt schon jeden knochen, dass es fast eklig ist (aber nur fast). 37kg ist kein gewicht, das ich mit einem glücklichen erfüllten leben vereinbaren kann, dabei wünsche ich mir so sehr ein glückliches erfülltes leben. und es ist auch egal, wer vor mir schon bmi 10 erreicht hat und es mit seinem leben vereinbaren konnte, letztendlich lässt sich so was auch nicht mehr leben nennen.
ich habe so viel unterstützung. ich habe unter anderem eine wunderbare sprachmemo von neonglück, die ich mehrmals gehört habe, weil sie so viel beruhigung in meine aufgewühlte hungerangst gibt. das hier ist ein kampf, den ich gewinnen kann und gewinnen würde, wenn ich wollte.
und ich bin bereit zu kämpfen. heute heute heute. und jetzt. 

Samstag, 20. August 2016

immer im kreis, immer im kreis

september 2015. klassenfahrt. ich sitze auf der grünweiß gestreiften bettdecke in einer abgeranzten jugendherberge. der geruch meiner selbstgemachten müsliriegel erfüllt den raum. alle, die uns besuchen kommen, regen sich darüber auf. aber es ist das einzige "safe" essen, das ich noch besitze. die haferflocken, die ich mir mitgenommen habe, esse ich morgens mit wasser. ein paar tage später esse ich nur noch das wasser. ein halber müsliriegel, das ist alles, was ich mir erlaube. im internet habe ich gelesen, dass wunden nicht verheilen, wenn man dem körper nichts zuführt. wenn meine wunde nicht verheilt, darf ich keinen sport machen. es ist ein zwiespalt. also mache ich trotzdem sport. der arzt, der meine svv wunde behandelt, ist sowieso blöd. ich habe angst vor ihm. ich glaube, ich bin ihm egal. aber er ist nur eine randfigur im geschehen.
ich esse nicht mehr als 100 kalorien am tag und wiege nur wenige kilo über der klinikgrenze. der leidensdruck wird mit jedem tag stärker. die magersucht ist mächtig. ich sehe über kreislaufprobleme, ausfallende haare und panikattacken hinweg. diese tränen gehören nicht zu mir. ich kann am wenigsten essen, ich kann am schnellsten laufen, ich kann am weitesten rennen. diese tränen gehören nicht zu mir. ich bin stärker als ihr alle, seht mich doch an, seht mich fallenfliegen. und ich bin es auch, die am meisten zusammenbricht, die mitten in der nacht auf dem flur steht und um sich haut und schreit, weil sie alles nicht mehr aushält. ich bin es auch, die von nun an unter beobachtung essen muss und es trotzdem nicht tut. der wunsch ist wie immer der gleiche, umzukippen. es passiert nicht. es passiert einfach nicht. //

Montag, 15. August 2016

ERINNERUNGEN


It's everywhere I look from Las Vegas, to right here
Under your dresser, right by your ear
It's creeping in sweetly, it's definitely here
There's nothing more deadly, than slow growing fear

die luft riecht nach 2014, obwohl es noch nicht einmal winter ist. ich atme. das triggert so extrem, ich bin schon gar nicht mehr da. ich will mich zu einer kleinen kugel zusammenrollen und nur noch heulen, die erinnerungen stürzen auf mich ein.
es ist der tag, nachdem ich in der schule umgekippt bin. (ich weiß alle daten noch, selbstverständlich, aber ich verzichte mal auf sie.=) mama und ich sind beim arzt, wir schweigen uns an bis wir ins ärztezimmer aufgerufen werden.
mama sagt: "meine tochter ist magersüchtig."
ich zucke zusammen und starre den boden an.
"ah ja", sagt die ärztin und seufzt. dann fragt sie, seit wann, blablabla. ich antworte kurz, ich lüge viel. danach werde ich gewogen. mit klamotten und nach dem frühstück 39,3kg fuck so viel, sie wird dich für einen fake halten
mama schreit: das war schon mal viel weniger!!!
die ärztin sagt, ich soll nach hause gehen und meine sachen packen, sie würde mich jetzt in die klinik einweisen. letztendlich werde ich nicht in eine klinik gehen und nicht meine sachen packen.
mama sagt: sie schafft das auch so. (eine glatte lüge, ich will es gar nicht schaffen.)
das ultimatum: mindestens 45kg, unter 40kg klinik, unter 36kg krankenhaus. letztendlich wird es jedem egal sein, wie viel ich wiege und zu den wiegeterminen werde ich nur noch sporadisch erscheinen.

ich höre meine schritte, die über den schnee knirschen, ich spüre die leere in meinem bauch und der geschmack nach nichts in meinem mund. ich erinnere mich an das abschlussessen in der schule 2014, ich pelle umständlich eine mandarine und lasse sie letztendlich in meinen taschen verschwinden. ich fühle mich so stark und unbesiegbar. nachts gucke ich alle essstörungsvideos auf youtube durch. ich bin so stark und bis 33kg ist es auch nicht mehr weit.
meine täglichen stundenlangen fahrradtouren bis zum drogeriemarkt, wo ich mich mit abnehmmittelchen für die woche zudeckte und mir immer wieder waagen kaufte.
das gefühl morgens aufzuwachen und sich auf die waage zu stellen und ich weiß noch, die 37,7
wie ich am schreibtisch saß und die kalorien durchrechnete und meine freizeit damit zubrachte, kalorien von lebensmitteln und restaurants und mcdonalds zu vergleichen und säuberlich aufzulisten und essenscollagen zu erstellen und texte über essen zu schreiben.
wie schnell ich angetriggert wurde von jedem kleinsten scheiß und wie bitterlich ich geweint habe, weil alle aus meiner klasse dünner waren (herzchen, du warst die dünnste von allen!!!!).
und dann die essanfälle, die konsequenzen. die rapide zunahme. und ich alleine damit, weil keine meiner therapeutinnen sich ansatzweise mit essstörungen auskannte. (wozu hatte ich dann drei therapeutinnen *hah)
manchmal ist das alles nicht auszuhalten.
es tut so weh.
wie ich geheult habe, 80% des jahres kommen mir durchgeheult vor, nie gut genug, nie perfekt genug und immer zu fett fett fett. und dann der laufende widerspruch von allen seiten; du bist so dünn/so knochig/so dürr, du musst heute noch in die klinik, du stehst kurz vor dem tod, stark suizidgefährdet (...). aber auch: du warst eh immer ein bisschen zu gesund für klinik/die klinik hätte dir damals nicht geholfen ... [aber jemand anders mir auch nicht, deswegen bin ich noch immer essgestört, hallelujah]