Montag, 15. August 2016

ERINNERUNGEN


It's everywhere I look from Las Vegas, to right here
Under your dresser, right by your ear
It's creeping in sweetly, it's definitely here
There's nothing more deadly, than slow growing fear

die luft riecht nach 2014, obwohl es noch nicht einmal winter ist. ich atme. das triggert so extrem, ich bin schon gar nicht mehr da. ich will mich zu einer kleinen kugel zusammenrollen und nur noch heulen, die erinnerungen stürzen auf mich ein.
es ist der tag, nachdem ich in der schule umgekippt bin. (ich weiß alle daten noch, selbstverständlich, aber ich verzichte mal auf sie.=) mama und ich sind beim arzt, wir schweigen uns an bis wir ins ärztezimmer aufgerufen werden.
mama sagt: "meine tochter ist magersüchtig."
ich zucke zusammen und starre den boden an.
"ah ja", sagt die ärztin und seufzt. dann fragt sie, seit wann, blablabla. ich antworte kurz, ich lüge viel. danach werde ich gewogen. mit klamotten und nach dem frühstück 39,3kg fuck so viel, sie wird dich für einen fake halten
mama schreit: das war schon mal viel weniger!!!
die ärztin sagt, ich soll nach hause gehen und meine sachen packen, sie würde mich jetzt in die klinik einweisen. letztendlich werde ich nicht in eine klinik gehen und nicht meine sachen packen.
mama sagt: sie schafft das auch so. (eine glatte lüge, ich will es gar nicht schaffen.)
das ultimatum: mindestens 45kg, unter 40kg klinik, unter 36kg krankenhaus. letztendlich wird es jedem egal sein, wie viel ich wiege und zu den wiegeterminen werde ich nur noch sporadisch erscheinen.

ich höre meine schritte, die über den schnee knirschen, ich spüre die leere in meinem bauch und der geschmack nach nichts in meinem mund. ich erinnere mich an das abschlussessen in der schule 2014, ich pelle umständlich eine mandarine und lasse sie letztendlich in meinen taschen verschwinden. ich fühle mich so stark und unbesiegbar. nachts gucke ich alle essstörungsvideos auf youtube durch. ich bin so stark und bis 33kg ist es auch nicht mehr weit.
meine täglichen stundenlangen fahrradtouren bis zum drogeriemarkt, wo ich mich mit abnehmmittelchen für die woche zudeckte und mir immer wieder waagen kaufte.
das gefühl morgens aufzuwachen und sich auf die waage zu stellen und ich weiß noch, die 37,7
wie ich am schreibtisch saß und die kalorien durchrechnete und meine freizeit damit zubrachte, kalorien von lebensmitteln und restaurants und mcdonalds zu vergleichen und säuberlich aufzulisten und essenscollagen zu erstellen und texte über essen zu schreiben.
wie schnell ich angetriggert wurde von jedem kleinsten scheiß und wie bitterlich ich geweint habe, weil alle aus meiner klasse dünner waren (herzchen, du warst die dünnste von allen!!!!).
und dann die essanfälle, die konsequenzen. die rapide zunahme. und ich alleine damit, weil keine meiner therapeutinnen sich ansatzweise mit essstörungen auskannte. (wozu hatte ich dann drei therapeutinnen *hah)
manchmal ist das alles nicht auszuhalten.
es tut so weh.
wie ich geheult habe, 80% des jahres kommen mir durchgeheult vor, nie gut genug, nie perfekt genug und immer zu fett fett fett. und dann der laufende widerspruch von allen seiten; du bist so dünn/so knochig/so dürr, du musst heute noch in die klinik, du stehst kurz vor dem tod, stark suizidgefährdet (...). aber auch: du warst eh immer ein bisschen zu gesund für klinik/die klinik hätte dir damals nicht geholfen ... [aber jemand anders mir auch nicht, deswegen bin ich noch immer essgestört, hallelujah]

Kommentare:

  1. Danke, Danke, Danke für die Erklärung, josi! Das hat mir sehr weitergeholfen. Das ganze Blabla auf Wikipedia & Co. fand ich etwas ungenau; denn ich denke mal, dass jeder so etwas anders empfindet... Aber so ganz genau konnte ich damit nichts anfangen. Jetzt habe ich eine ungefähre Ahnung, wie es sich anfühlen muss. Danke. <3

    Dein Eintrag berührt mich - und es tut mir weh zu lesen, dass du einfach überhaupt gar nicht die Hilfe bekommen hast, die du brauchtest. :(

    Fühl dich gedrückt. <3

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  2. Jaaaa ich bin eigentlich auch total der Wintermensch. Leider geht's mir genau dann meistens am schlechtesten. Wie sollte es auch anders sein ;)
    Danke für deine lieben Worte!!

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