Mittwoch, 24. August 2016

krieg' ich das irgendwie hin

irgendwann kommst du beim hungern an einen punkt, an dem du einfach nicht mehr kannst. der körper hat keine lust mehr. du siehst mehr schwarz und bunte punkte als irgendetwas anderes. morgens beim aufstehen musst du erst einmal minutenlang sitzen, bevor du aufstehen kannst und selbst dann musst du dich an der wand abstützen. der erste gang führt auf die waage, nachdem möglichst jedes gramm vom oder aus dem körper ist. all das wird kräftezehrend. der strenge essplan, den du dir selbst gibst, der irgendwann einfach keine energie mehr beinhaltet, alles ist nur noch scheinessen, nur noch lügen. das doch nie gegessene essen, das in deinen taschen und schränken anfängt zu gammeln. deine kraft reicht für gar nichts mehr, du kannst nur noch im bett herumliegen. und du weißt, wenn du jetzt nichts änderst, wirst du nie etwas ändern.
ich habe ein paar mal über diesen punkt hinausgelebt. ich weiß, was mich dahinter erwartet und ich kann aufrichtig sagen, dass ich nicht dahin zurückwill. die depression geht mit der magersucht hand in hand. wie soll es auch anders sein, wenn alle lebensqualität aus deinem leben genommen wird, weil du nur noch im bett herumliegen kannst und dein magen sich anfühlt, als würde er sich selbst aufessen?
ich weiß, dass es nicht mehr so viele kilo wären, bis ich mein tiefstgewicht eingeholt hätte. ich weiß, dass ich mit den kilos nicht nur kilos verlieren würde, sondern alles, was ich mir das letzte halbe jahr so unglaublich hart erkämpft habe. ich habe nie an ein leben "nach der essstörung" geglaubt, doch ich habe es bekommen, ich fühlte mich im märz sogar absolut essstörungsfrei. ich kann dieses leben (mein leben!) nicht wegschmeißen, nicht mehr.
ich bin an diesem punkt, an dem ich einfach nicht mehr kann. einen weg nach unten gibt es immer, es geht immer noch ein stückchen tiefer und noch ein stückchen tiefer, aber wie tief kann ich sinken (ohne zu ertrinken)? ich kann mich jetzt entscheiden, ob ich diesen hässlichen dunklen weg weitergehe und die kommenden schmerzen auf mich nehme. ob ich das horrorjahr 2014 noch einmal durchleben will. oder ich kann mich umdrehen und sagen: "that is not how my story is going to end."
ich weiß, dass auch dieser weg hart sein wird. aber auch schön und richtig und bunt. niemand müsste vor angst sterben um mich. ich würde zurück ins leben treten. ich weiß, dass es am anfang unerträglich sein wird. ich weiß, dass ich wieder weinen werde nach dem essen und mich nach klingen verzehre und auch ein paar tage sterben will. aber das hört auf. und ich werde nicht aufhören, diesen weg zu gehen, weil ich selbst weiß, wie schön es ist, wie unglaublich schön, essstörungsfrei zu sein.
nur, weil ich anfange, mehr zu essen und die essstörung vielleicht sogar loslassen kann, bin ich immer noch krank. da ist mein durchritualisiertes und verzwangtes leben, da sind noch immer die angststörungen, die alles wiedermal hundertfach kompliziert machen, meine unfähigkeit mich abzugrenzen, der perfektionismus. ich will ein leben führen, das schön ist und manchmal verzweifele ich daran, weil ich meine eigenen erwartungen nie erfüllen kann. denn 100% perfekt kann niemand erreichen, auch ich nicht, niemals. aber das sind gründe, die tiefer liegen und auch diese magersucht wird sie nicht aus der welt schaffen. 
ich muss mir nicht beweisen, dass ich noch einmal 37kg wiegen könnte, denn ich weiß es. und ich weiß auch, dass ich viel lieber leben will, als noch einmal 37kg zu wiegen. ich spüre jetzt schon jeden knochen, dass es fast eklig ist (aber nur fast). 37kg ist kein gewicht, das ich mit einem glücklichen erfüllten leben vereinbaren kann, dabei wünsche ich mir so sehr ein glückliches erfülltes leben. und es ist auch egal, wer vor mir schon bmi 10 erreicht hat und es mit seinem leben vereinbaren konnte, letztendlich lässt sich so was auch nicht mehr leben nennen.
ich habe so viel unterstützung. ich habe unter anderem eine wunderbare sprachmemo von neonglück, die ich mehrmals gehört habe, weil sie so viel beruhigung in meine aufgewühlte hungerangst gibt. das hier ist ein kampf, den ich gewinnen kann und gewinnen würde, wenn ich wollte.
und ich bin bereit zu kämpfen. heute heute heute. und jetzt. 

Kommentare:

  1. Das ist ein so schöner Text, liebe Josi. Und ich wünsche dir alle Kraft und Unterstützung der Welt!

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  2. Ich wünsche dir unfassbar viel Kraft. ♥

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  3. Liebe Josi, ich lese deinen Blog schon eine Weile mit, weil ich deinen Schreibstil sehr mag und ich mit ähnlichen Problemen zu kämpfen habe… Ich finde es toll, dass du so starke Worte gegen die Essstörung gefunden hast und wünsche dir ganz viel Kraft!
    Alles Liebe, Sophie.

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